
Fallbeschrieb
Erläuterungszeichen «» Aussagen vom Patienten/Angehörigen
Namen wurden geändert
Mitte 2023 kommt eine junge Mutter mit ihrer zweitgeborenen Tochter Anna, 2-jährig, zu mir in die Sprechstunde in Chur. Sie begibt sich zum ersten Mal in homöopathische Behandlung und kennt das Konzept der Homöopathie überhaupt nicht. Die Praxis Homöopathie Heilkunst in Chur wurde ihr durch die Elternberatung Chur empfohlen, mit welchen wir eine sehr angenehme Zusammenarbeit pflegen. Als Hauptbehandlungsgrund gibt die Mutter starke Unruhe oder Rastlosigkeit der Tochter an. Die Mutter scheint sichtlich angeschlagen zu sein.
Ich nehme ein kleines Mädchen wahr, das sehr schlagkräftig ihre Meinung im Wartezimmer vertritt. Ausserdem ist sie auch im Wartezimmer bereits sehr aktiv und beweglich, spielt mit den Stühlen und anderen Gegenständen. Mit fremden Leuten scheint sie im ersten Moment etwas scheu zu sein, aber innert Kürze beginnt sie mit anderen Personen zu sprechen. Ihre Körperstatur ist schlank bis normalgewichtig. Auffallend ist ihr sehr aktiver und cleverer Geist, welcher mir bereits bei der Begrüssung auffällt.
Spontanbericht der Mutter
Es sei momentan sehr schwierig mit Anna. Sie sei permanent in Bewegung und es gäbe keine Minute, in der die Familie einmal durchatmen könnte. Sie habe keinen Fokus auf das, was sie gerade macht, und lasse sich extrem schnell ablenken. Dies sei vor allem beim Essen ein grosses Problem, denn die Mutter müsse immer schauen, dass es in dieser Zeit möglichst ruhig im Haus sei, damit Anna wenigstens ein bisschen isst. Dieser Mangel an Konzentration sei auch beim Spielen sichtbar. Anna könne sich keine zehn Minuten mit etwas beschäftigen. Wenn sie ihre «fünf Minuten» habe, dann könne sie auch einfach herumlaufen, dabei ziellos Dinge aus dem Regal nehmen und auf den Boden schmeissen. Sie habe wie zwei Phasen; in der einen sei sie sehr nett und lieb, manchmal wie in ihrer eigenen Welt und man muss einige Male ihren Namen rufen bis sie reagiert; in der anderen Phase könne sie durch eine Kleinigkeit absolut ausrasten, Dinge werfen, beissen, die Schwester schlagen oder den Hund plagen. Sie sei allgemein in ihrem Verhalten sehr grob und habe keine Geduld.
Weiter Symptome durch aktives Fragen
Die Wutausbrüche von Anna sind meist zu Hause. Wenn sie bei der Grossmutter oder zu Besuch sei, dann komme es praktisch nie vor. Die Wutanfälle verschlimmern sich, wenn man Anna währenddessen ignoriere und sie in Ruhe lasse. Anna hat sehr wenig Ängste, mit der Tendenz auch einfach wegzulaufen oder ungeachtet sich in eine gefährliche Situation zu begeben. Ihr Schmerzempfinden ist nicht sehr hoch und sie weint auch bei stärkeren Stürzen oder kleinen Verletzungen sehr wenig. Sie tanzt gerne zu Musik, was aber mehr eine Art Hüpfen sei. Im Wutanfall bemerkte die Mutter keine Wirkung der Musik auf ihr Verhalten. Ihre Laune ist über den Tag gesehen am Vormittag am besten. Von der Körpertemperatur ist Anna sehr hitzig und schwitzt schnell – auch im Schlaf. Die Mutter sagte, sie müsse sie am Abend duschen, da der Schweiss sehr klebrig sei. Im Schlaf erwacht Anna immer wieder mit Weinen oder einem Schreckhaften Schreien. Anna hat keine Mühe im Dunkeln zu schlafen und braucht auch kein Licht. Während dem Schlaf seien ihre Augen leicht geöffnet. Schnarchen wird von der Mutter verneint. Was die Verdauung betrifft, ist Anna tendenziell verstopft und es kann auch zwischendurch zu knotig, hartem Stuhl kommen. Die Verstopfung sei bereits seit der Geburt vorhanden.
Meine Beobachtung während dem Gespräch
Anna taut schnell auf und kommt sofort in Fahrt. Sie ist permanent in Bewegung und zeigt keine Hemmungen mir gegenüber und auch nicht dabei, das Praxiszimmer zu zerlegen. Wenn die Mutter versucht eine Grenze zu setzen oder ihr etwas zu verbieten, dann kommt ein Lachen von ihr, wo man direkt weiss: Sie macht, was sie will. Während dem Gespräch versuchte ich mehrmals Kontakt zu ihr aufzubauen, was mir jedoch weder durch Berührung, Augenkontakt noch durch Bestechung gelungen ist. Ich hatte den Eindruck, ich kann sie gar nicht erreichen. Im weiteren Verlauf gab es noch einen Wutausbruch, der eben so abrupt endete, wie er gekommen ist und in der Heftigkeit des Schreiens auch keine Sekunde länger aushaltbar gewesen wäre. Gegen Ende der Fallaufnahme hatte sie immer wieder das Verlangen, das Gesprächszimmer zu verlassen.
Patientenanamnese
In der Schwangerschaft mit Anna litt die Mutter an Schwangerschaftsdiabetes. Die Entbindung war zeitgerecht und spontan. Während der Geburt benötigte die Mutter eine PDA, wodurch sie danach nichts mehr gespürt habe. Aufgrund einer unvollständigen oder fehlerhaften Ablösung der Plazenta hatte sie postpartal eine starke Blutung, was zu einer Trennung von Mutter und Kind sowie einer Kauterisation bei der Mutter führte. Der APGAR Test ergab die Resultate 7/9/9. Anna wurde über fast 5 Monate ausschliesslich gestillt. Die Entwicklung zeigt sich unauffällig, bis eher etwas schnell (Laufen mit 11 Monaten). Nach der Geburt war Anna verstopft und hatte einen Pavor nocturnus. Ausserdem litt sie an einer Neurodermitis, die mit einer Creme behandelt wurde. Die Impfungen wurden nach empfohlenem Schema durchgeführt und dies ohne starke Reaktionen (wurde von meiner Seite vielleicht auch zu wenig nachgefragt).
Familienanamnese
Die Eltern der Familie kommen ursprünglich aus dem asiatischen Gebiet, wodurch die Familienanamnese sehr spärlich ausfiel. Auf Seite des Vaters sind vor allem Beschwerden im Bereich des Bewegungsapparates vorhanden. Auf Seite der Mutter gibt es C2-Abusus, chronische Bronchitis, Herzklappenersatz, Pneumonien und Lungenprobleme. Die Mutter selbst leidet an zyklischen Beschwerden. Von der jüngeren Schwester sind bis heute keine Krankheiten vorhanden.
Meine Analyse
Anna hat aus meiner Sicht unterschiedliche Aspekte, die je nach Betrachtung des Falles im Vordergrund stehen können. Ich habe mich entschieden, die Geschichte der Trennung von der Mutter bei der Geburt mit den nachfolgenden Reaktionen (Nachtschreck und Verstopfung), mit den aus meiner Sicht aktuell am klarsten repräsentierenden Symptomen zu kombinieren (Rastlosigkeit und plötzlich wechselnde Zustände; daher Wertigkeit 9. Der Auslöser wurde bewusst nicht höher gewertet, da es sich um eine Interpretation meinerseits handelt). Miasmatisch zeigt sich bei Anna das tuberkulare Miasma (Rastlosigkeit) am stärksten, gefolgt von dem psorischen Miasma (Sturheit). Aus der spärlichen Familienanamnese lässt sich schwer ein Fazit ziehen, daher lasse ich sie weg.
Meine Verschreibung
Ich habe mich entschieden, mit Opium XM, 2 Dosen, zu starten.
Telefonische Kontrolle nach 7 Tagen
Die erste Reaktion direkt nach der Arzneimitteleinnahme war, dass das Essen kein Problem mehr darstellte. Die Wutanfälle haben sich stark reduziert, in der Häufigkeit und in der Intensität. Der Schlaf wurde sehr gut. Der Nachtschreck trat nicht mehr auf und der Stuhlgang wurde weicher. Die Unruhe und das Schwitzen blieben unverändert.
Kontrolle nach 4 Wochen
Die Wutanfälle wurden weiterhin weniger und das Essverhalten blieb anhaltend besser. Die Unruhe hat sich nach Aussagen der Mutter um 20 % Prozent verbessert. Anna wurde vorsichtiger und hat begonnen, bei unbekannten Situationen auf die Eltern zu warten. Die Verdauung ist weiterhin besser.
Kontrolle nach 3 Monaten
Anna spricht und erzählt mehr. Die Unruhe ist, im Vergleich zum Beginn der Behandlung weiterhin besser, jedoch ist Anna immer noch ein sehr aktives Kind. Neu zeigt sich die Sturheit stärker und das grobe Verhalten zeigt sich vor allem, wenn etwas nicht nach ihrem Kopf läuft. Das Schwitzen wurde weniger.
Nach 6 Monaten
Nach fast 6 Monaten wechselte ich auf Tuberkulinum Koch C200, 2 Dosen, da sich das Symptombild geändert hatte. Nach einem zufriedenstellendem Fallverlauf nach Opium gab es einen Rückfall im Bereich der Unruhe und der Impulsivität. Anna hat wieder begonnen die grosse Schwester zu schlagen, zu beissen und den Hund zu plagen. Die abwesenden Phasen haben sich jedoch nach Opium nicht mehr gezeigt, auch die Verdauung und die Schmerzempfindlichkeit haben sich anhaltend positiv eingependelt. Neu schwitzte Anna wieder vermehrt in der Nacht. Der Auslöser für diesen ähnlichen und doch veränderten Rückfall konnte nicht eruiert werden.
Verlauf 2 Monate nach Tuberkulinum
Die Impulsivität und die blinden Wutausbrüche haben sich massiv verringert. Dies so weit, dass die Eltern Anna nun, wenn sie einmal einen Wutanfall bekommt, ohne Probleme beruhigen können. Es sei jetzt mehr ein Schreien und nicht mehr ein Schlagen und Beissen. Auch die Rückmeldung der KITA ist positiv ausgefallen. Anna habe einen besseren Umgang mit den anderen Kindern gezeigt. Die Unruhe habe sich stakt verbessert. Sie könne sich jetzt ohne Probleme über längere Zeit mit sich allein beschäftigen, ohne dass sie sich sofort ablenken lässt. Meine Beobachtung war, dass sich Anna im Praxiszimmer weniger hinter der Mutter versteckt und in der Kommunikation mit mir einen grossen Schritt vorwärtsmachte. Ich konnte jetzt sehr gut mit ihr sprechen und interagieren. Miasmatisch zeigte Anna auf verschiedenen Ebenen eine Reaktion. Kurz nach Tuberkulinum C200 hatte sie eine Erkältung mit gelb-grünen Absonderungen und der Nachtschweiss verschwand. Einige Zeit später hatte sie für ein paar Tage Nasenbluten, eine leichte Hautreaktion in Form von Pickelchen und an einem Tag deutlichen Durchfall.
Mein Fazit
Durch Opium konnte bei Anna die Wahrnehmungsstörung behoben werden. Der syphilitische Anteil, der abwesenden Phasen und die Unempfindlichkeit sind unter Opium verschwunden. Die Unruhe hat sich durch die Verbesserung der Wahrnehmung für eine Zeit stark gebessert, jedoch gab es einen Rückfall mit einem leicht verändertem Symptombild. Zusammen mit ihrem Charakter habe ich mich dafür entschieden, das tuberkulare Miasma als Nächstes ins Zentrum zu stellen. Durch die klare und positive Reaktion nach Tuberkulinum wurde gezeigt, dass das aktive Miasma, in diesem Fall das tuberkulare, beruhigt werden konnte. Die Diagnosen ADHS, ADS oder andere Verhaltensauffälligkeiten sind nicht einfach zu stellen und bilden oft das Schlusslicht einer langen Reihe von Abklärungen und emotional belastenden Situationen für die ganze Familie und deren Umfeld. Der Rahmen, ob ein Kind schon verhaltensauffällig oder noch «normal» ist, ist oftmals abhängig von der Kapazität, der familiären Ressourcen sowie Ansicht des Betrachters (Arzt/Therapeut). Das Schöne der Homöopathie ist, dass wir keine Diagnosen behandeln, sondern immer individuelle Zustände von Menschen. Dieser Fall soll zeigen, wie genial und schnell die Homöopathie bereits im frühen Stadium eines Symptombildes mit Hyperaktivität, Verhaltensauffälligkeit, Konzentrationsstörung oder Aufmerksamkeitsdefizit wirkt. Ausserdem haben wir in der Homöopathie die Möglichkeit Zustände zu behandeln, bevor eine Diagnose wie ADHS etc. zustande kommt. Wie jeder andere Krankheitszustand, ist auch ADHS oder ADS das Resultat einer miasmatischen Veranlagung und der individuellen Lebensumstände, die unsere Lebenskraft auf eine Weise schwächt, so dass es zum Ausdruck von Symptomen in Form einer Krankheit kommt.
Quelle: Materia Medica von Dr. Jus


